In Deutschland verjährt fast alles – außer Mord und die falsche politische Vergangenheit

Im angeblich „freiesten Deutschland, das es je gegeben hat“, gibt es offenbar zwei Dinge, die niemals verjähren: Mord – und irgendwann einmal Mitglied der NPD gewesen zu sein.

Beim Mord steht die Unverjährbarkeit wenigstens ausdrücklich im Gesetz. Bei einer früheren Mitgliedschaft in der NPD, heute „Die Heimat“, braucht man offenbar gar kein Gesetz mehr. Dafür gibt es Journalistenarchive, politische Gegner, Suchmaschinen und selbsternannte Gesinnungsbuchhalter, die zuverlässig darauf achten, dass auch nach 10, 20 oder 30 Jahren niemand auf die verrückte Idee kommt, einen Menschen nach dem zu beurteilen, was er heute sagt oder tut.

Andere dürfen ihre politischen Ansichten wechseln wie Hemden. Aus überzeugten Kommunisten werden Demokraten, aus Maoisten Minister, aus Revoluzzern Staatsmänner und aus politischen Irrläufern plötzlich hochgeachtete Persönlichkeiten. Das nennt man dann „Entwicklung“, „Reifung“ oder einen „spannenden politischen Lebensweg“.

War man hingegen irgendwann einmal bei der falschen Partei, heißt derselbe Vorgang offenbar: lebenslange Kontaktschuld.

Da hilft kein Austritt, kein Sinneswandel, kein Abstand und vermutlich nicht einmal eine schriftliche Erklärung auf Recyclingpapier mit drei Stempeln vom Bundesamt für politische Läuterung.

Denn in der deutschen Debattenkultur gilt offenbar ein einfaches Prinzip:

Der Mensch kann sich ändern – aber seine Wikipedia-Fußnote bleibt.

Besonders praktisch ist das natürlich für politische Gegner. Argumente sind mühsam. Man müsste zuhören, nachdenken und vielleicht sogar sachlich widersprechen. Viel bequemer ist es, eine dreißig Jahre alte Mitgliedschaft aus der Schublade zu ziehen und triumphierend zu rufen: „Aha! Damals!“

Fall erledigt. Denken eingestellt.

Das ist ungefähr so, als würde man einem 60-Jährigen noch vorhalten, dass er mit 18 einen Opel Manta gefahren hat – nur mit dem Unterschied, dass der Manta möglicherweise gesellschaftlich leichter verziehen wird.

Resozialisierung ist schließlich ein hohes Gut. Straftäter sollen nach verbüßter Strafe wieder Teil der Gesellschaft werden können. Menschen sollen eine zweite Chance bekommen. Fehler gehören zum Leben.

Nur bei politischen Biografien scheint gelegentlich ein anderes Prinzip zu gelten:

Einmal falsch abgebogen, immer falsch abgebogen.

Vielleicht sollte man deshalb endlich ehrlich sein und eine neue Behörde schaffen: das Bundesamt für die lebenslange Verwaltung politischer Altlasten. Dort könnte jeder Bürger vorsorglich seine komplette politische Vergangenheit hinterlegen – inklusive Parteibücher, Jugendtorheiten, falscher Freunde, falscher Demonstrationen und möglicherweise verdächtiger Gedanken aus den Jahren 1987 bis 2003.

Dann müsste niemand mehr mühsam recherchieren.

Bis dahin bleibt festzuhalten:

In Deutschland können Ehen geschieden, Schulden getilgt, Strafen verbüßt und politische Überzeugungen gewechselt werden.

Nur manche Etiketten kleben offenbar besser als jeder Sekundenkleber.

Und genau deshalb möchte ich im Rahmen meiner neuen Internetseite – und später sicherlich auch in Buchform – eine eigene Gegenöffentlichkeit schaffen. Nicht, um eine Wahrheit durch eine andere zu ersetzen, sondern um Behauptungen, Verdrehungen und aus dem Zusammenhang gerissenen Geschichten etwas entgegenzusetzen.

Denn wenn über Menschen, Organisationen und politische Biografien immer wieder dieselben Erzählungen verbreitet werden, sollte wenigstens jemand die Mühe aufbringen, Akten zu öffnen, Quellen zu vergleichen, Zusammenhänge darzustellen und auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen.

Gegenöffentlichkeit bedeutet für mich deshalb nicht: „Glaubt mir alles.“
Sondern: „Glaubt nicht alles – prüft selbst.“

Wo aus Halbwahrheiten vermeintliche Gewissheiten werden, wo jahrzehntealte Etiketten an die Stelle einer sachlichen Auseinandersetzung treten und wo Wiederholung irgendwann als Beweis gelten soll, braucht es Widerspruch.

Meine Internetseite soll deshalb auch ein Archiv gegen das Vergessen – und gegen das bewusste Verdrehen – werden. Später möchte ich diese Erfahrungen, Dokumente, Geschichten und Beispiele möglichst auch in Buchform zusammenfassen.

Denn möglicherweise ist die wirksamste Antwort auf eine falsche Darstellung gar nicht das empörte Geschrei.

Vielleicht reicht manchmal schon eines: die andere Hälfte der Geschichte.